Mein persönliches Fazit nach 6 Monaten Kanada

Wie ich mich fühle und was ich vom leben gelernt habe

Zeit ist eine Illusion, nicht wahr?

Es ist eine Vorstellung, die wir haben, von dem Gefühl wie schnell oder langsam das Leben vergeht. Die Momente, die wir wirklich auskosten, bleiben in unserem Kopf, und die Momente, in denen wir mehr hetzen als genießen, verschwinden im Strudel der Zeit.

Ein Sprichwort im Yoga sagt: Wir alle haben eine bestimmte Anzahl von Atemzügen im Leben. Je mehr wir durch das Leben hetzen, umso schneller ist unsere Zeit auf der Erde vorbei.

Ich glaube mein größtes Learning aus meiner Zeit in Kanada bisher ist, langsamer zu atmen. Richtig zu atmen. Atem zu schätzen. Ich war so aufgeregt und unsicher, als ich hier ankam. Ich hatte Angst, die Dinge würden sich nicht fügen, ich würde kein Praktikum finden und schon gar kein bezahltes, sodass ich einfach hinnahm, dass mein Leben auf diesem Level weitergeht, auch was das Thema Geld angeht. Ich dachte, ich mache einfach dieses Praktikum, schreibe hoffentlich nebenbei so meine Bachelor-Arbeit, fliege zurück und beende mein Studium. Was ich danach machen würde? Keine Ahnung. Es war mehr ein Ausflug in meinen Augen, bevor es zurück in mein altes Leben geht. Das kann ich heute erkennen – damals fühlte sich das alles „richtig“ und normal.

Heute weiß ich, nichts von dem, was ich hier erlebt und über mich selbst erfahren habe, ist normal. Das Universum hat mich ins kalte Wasser geworfen und getestet, ob ich langsam mal dazugelernt habe. Es fühlte sich tatsächlich ganz oft wie ein Test an und je öfter ich auf die Zeichen geachtet habe, desto mehr waren sie präsent. Ich entschied mich beispielsweise eines Tages dazu, einfach in ein Wellness-Studio zu laufen, nach einem Praktikum zu fragen im Business-Bereich. Mein Gedanke war, noch etwas über die Sachen zu lernen, die mich persönlich interessieren und es nicht nur ein Praktikum ist, um eines gemacht zu haben. Eher negativ gestimmt lief ich also in dieses Büro und sprach mit dieser Frau. Es stellt sich heraus, sie suchen immerhin jemanden für eine Urlaubsvertretung, und ihre Worte waren: „Wir haben gerade darüber gesprochen, wer mich vertreten kann – Dich schickt das Universum“. Und ich wusste, dass es stimmt. Das Universum war bei mir und hat mich in eine Richtung geschubst. Ich kam nach Hause und hatte Tränen in den Augen. Einfach, weil ich nicht mehr so hoffnungslos war und wusste, ich bin hier richtig, und vor allem auf dem richtigen Weg.

Was habe ich also in den letzten 6 Monaten noch gelernt?

– darauf zu vertrauen, dass es etwas Besseres für mich da draußen gibt, wenn es das nicht sein soll

– mich nicht unter Wert zu verkaufen, denn es wird immer Menschen geben, die meinen Wert zu schätzen wissen und dankbar für das sind, was ich kann

– weitermachen, auch wenn es schwerfällt. Die 10. Nachricht auf LinkedIn an Menschen schicken, die ich nicht kenne, und die in 90 Prozent der Fälle auch nicht antworten

– echt zu sein, anstatt jemanden beeindrucken zu wollen

– stolz sein auf das, was ich kann und in der Vergangenheit gemacht habe

– Zeichen zu erkennen und auch ihnen zu vertrauen. Das Leben ist immer für mich.

– Nichts ist Zufall. Alles auf meinem Weg ist dafür da, mir entweder eine Lehre zu sein oder mich in eine bestimmte Richtung zu schicken – oder beides.

Nicht alle Tage sind rosig und doch hat sich eine Leichtigkeit eingestellt, die mir vorher gefehlt hat. Ich kann besser loslassen, die Dinge sein lassen, annehmen und einfach sein. Dieser Perspektivwechsel, im wahrsten Sinne des Wortes, hat mir eine neue Wahrnehmung geschenkt. Auf mich, auf meine Familie, auf meine Freunde und auf das Leben, das vor mir liegt. Denn auch das habe ich in den letzten Monaten entdecken dürfen: wie ich meine Aufgabe auf dieser Erde vollbringen kann. Es ist noch nicht final und ich bin noch nicht voll drin, aber es wächst, das kleine Pflänzchen in mir. Im Grunde hat es mir nur gute Erkenntnisse gebracht, mein neues Zuhause.

Und dennoch gibt es die Tage, an denen mir einfach mein Umfeld fehlt, mein schönes Altbau-Zimmer in Wiesbaden, Freunde spontan sehen zu können und näher an ihrem Leben zu sein. Freundschaft – das ist wohl das Thema, was mich noch am meisten beschäftigt. Meine bisherigen Freundschaften haben sich immer aus etwas heraus ergeben. Hier ist in diesem Bereich ein kleines Loch entstanden. Vielleicht liegt es daran, dass ich bisher auf andere Dinge fokussiert war wie Wohnung, Praktikum finden, ankommen. Vielleicht auch daran, dass ich immer noch das Gefühl habe, meine Persönlichkeit, Werte und Interessen auf Englisch nicht so ausdrücken zu können wie auf Deutsch. Vielleicht sind es auch die neuen deutschen Menschen, die (näher) in mein Leben getreten sind. Vielleicht hab ich mich auch noch nicht getraut, tatsächlich für mich loszugehen. Ich weiß aber, dass der Herbst und all die Fügungen, die in mein Leben getreten sind, mich wieder viel darüber lernen lassen. So lange lasse ich mein Herz offen, vertraue darauf, dass auch das sich fügen wird, atme Leben ein und all die alten Geschichten aus.


Bis März bleibe ich noch in dieser wunderbaren Stadt, bevor es in mein Heimatsemester zurückgeht. Währenddessen warten viele kleine Wunder auf mich und es bleibt noch so viel Zeit, neue zu kreieren. Die größte Fügung in diesem Jahr bisher beginnt am 18. September – dazu ganz bald mehr!


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